Die Geschichte des Dorfes
Mariensiel ist, wie schon aus dem Namen unschwer hervorgeht, ein Name aus zwei Wörtern, zum einen "Marien" und zum anderen "Siel". Ein Siel ist ein verschließbarer Durchlass im Deich, der zur Oberflächenentwässerung des Binnenlandes dient, um so unbedeichte Groden für Ländereien zu nutzen. Das Siel im heutigen Mariensiel wurde nach der Allerheiligenflut von 1570 angelegt und diente der Entwässerung der Maade direkt in den Jadebusen. Benannt ist das Siel nach Fräulein Maria von Jever, der damaligen Regentin der Herrschaft Jever, zu deren Herrschaftsbereich das Land um das Siel gehörte.
Während der Jahrhunderte wurde die Sielanlage mehrfach verändert, instand gesetzt und sogar neu gebaut. Die heute zu besichtigende, steinerne Sielanlage wurde 1876 angelegt. Um das Siel herum kam es zu ersten Ansiedlungen. In einem Grundriss von 1700 waren bereits 14 Gebäude eingezeichnet und benannt als Kalkhaus, Brauhaus, Zoll- und Wirtshaus, Schmiede sowie weitere. 1825 wurden bereits 16 Feuerstellen mit insgesamt 68 Einwohnern registriert. 70 Jahre später waren es bereits 114 Einwohner. Weiterhin entstanden Dienstwohnungen, das Sielwärterhaus und eine Schiffsmeldestelle. Ein kleiner Hafenort mit Liegeplätzen, über den Handel mit einheimischen Produkten getrieben wurde, entwickelte sich. Die Blütezeit der Watten- und Seeschifffahrt im tideabhängigen Mariensiel war kurz und dauerte von 1850 - 1910. Flachgehende Schiffe wie z.B. einmastige Mutten und Tjalken sowie zweimastige Kuffen und Schmacken zwischen 20 und 25 m Länge liefen in den Hafen ein. 1858 wurden in Mariensiel 23 Seeschiffe mit 746 Lasten gezählt. Zwischen 1865 und 1919 liefen nur noch wenige Schiffe den Sielort an. Das größte Problem des Hafens war die andauernde und zunehmende Verschlickung. Durch Schlötungen und
Abbaggerungen wurde die Sielanlage freigehalten. Durch die Süderweiterung des Wilhelmshavener Hafens (1904-1911) und der Verlagerung des Mariensieler Seedeichs (Banter Deich) in den Jadebusen, lag das Außentief nicht mehr unmittelbar im freien Watt, sondern verlief am Deichfuß. Durch die veränderten Strömungsverhältnisse, bedingt durch die neue Deichlinie, verstärkte sich die Verschlickung und Verlandung und konnte trotz des Einsatzes von Mudderprahm und Stromräumbooten nicht aufgehalten werden. Der Groden ( angeschwemmtes Neulandgebiet) zwischen dem Flugplatz und dem Banter Deich hatte sich zwischenzeitlich extrem ausgedehnt. Die Deichdecke hätte erhöht werden müssen. Wegen der unzureichenden Entwässerung durch das veraltete Mariensiel wurde dieses vom Maadesiel (Fertigstellung 1952) abgelöst. Am 29.11.1963 wurde das Marien-Siel durch die Sielacht Rüstringen-Kniphausen geschlossen. Die Sielbucht wurde abgedeicht und 1981 begann man den Deichkörper der alten Deichlinie zur Verstärkung des Banter Seedeichs abzutragen.
Das Institut für Denkmalpflege erklärte die Sielanlage zum Baudenkmal. 1984 wurde die Sielanlage vom III. Oldenburgischen Deichband instandgesetzt. Heute kann die historische Sielanlage mit dem freigelegten Sielgewölbe und die solide damalige Handwerkskunst von Besuchern bewundert werden. Am 7. November 2009 feierte Mariensiel die Übergabe des historischen Siels an den „Bürgerverein Mariensiel“. Der Bürgerverein kümmert sich seit dem um die Sielanlage. Sie ist heute ein Schmuckstück, Anziehungspunkt für Besucher, und wurde zum Wahrzeichen von Mariensiel.
Die Kreisstraße 312 ging damals mitten durch Mariensiel hindurch (jetzt Wilhelmshavener Straße von Wendehammer zu Wendehammer). Schon 1997 wurden täglich 7.000 Fahrzeuge gezählt, mit steigender Tendenz und zunehmendem Schwerlasttransport. Man hatte kaum noch Kontakt zu den Mitbürgern auf der anderen Straßenseite, denn es war zu gewissen Zeiten schwierig und gefährlich, die Straße zu queren. Zudem war es höllisch laut. Der Ort war somit zweigeteilt. 1994 bekam der Ort eine östliche Ortsumgehung. Kaum einem Autofahrer, der heute an Mariensiel vorbeifährt, ist bewusst, dass er sich auf einem ehemaligen, 400 Jahre alten Deich befindet.
1865 erfolgte der Anschluss des Ortes an die Eisenbahnlinie von Oldenburg zum gerade neu gegründeten Marine-Etablissement im „Königlichen Preußischen Jadegebiet“, dem späteren Wilhelmshaven. Nach dem ersten Weltkrieg musste der Wochenend- und Feiertagsverkehr auf Grund von Kohlemangel eingestellt werden. Durch die Bahn entwickelte sich der Ort für Gäste aus nah und fern zu einem Erholungsort. Die letzten Nachtzüge nach Wilhelmshaven waren oft voll mit tanzlustigen Nachtschwärmern aus Mariensiel (der Marienburg). Die Marienburg (jetzt Wilhelmshavener Straße 3 u. 3a) war ab 1908 als Gaststätte und Tanzlokal für Herrschaften der besseren Gesellschaft konzipiert. Der Ausflugsort Mariensiel wurde immer beliebter, besonders wegen seiner Tanzveranstaltungen.
1919 erlebte das Dorf ein Inferno und wurde fast zerstört. Weiterlesen unter: - Das - Fort Mariensiel - und der 17. Dezember 1919
Ein ehrgeiziges Ziel der damaligen Zeit war es, im Aufschwung nach der Währungsreform 1924 in Mariensiel ein Nordseebad und einen Luftkurort zu etablieren. Mariensiel war das einzige Oldenburgische Nordseebad mit eigener Bahnstation strategisch an der Hauptstrecke Bremen-Wilhelmshaven gelegen. Man wollte das Naherholungsgebiet auch touristisch vermarkten. Man warb mit empfehlenswerten Unterkünften zu kleinen Preisen, dem Fehlen einer Kurtaxe, und der Stille des Landlebens. Man richtete den Strand her, stellte Badekabinen und Strandkörbe auf und sorgte sogar für ein Nichtschwimmerbecken. Trotz aller Bemühungen blieben die erhofften Gäste aus.
Dem zunehmenden Zugverkehr waren die alten Brücken nicht mehr gewachsen. Daher wurde 1940 die Doppelklapp-Eisenbahnbrücke in Mariensiel eingeweiht. Sie diente als Vorbild der Eisenbahn-Huntebrücke in Oldenbrug. Sie wurde im Laufe der Zeit für den Ort zu einem Wahrzeichen mit einem bitteren Beigeschmack (Siehe Beitrag "Bürgererein Mariensiel", Stichwort Bleimenninge). 1977 fiel der Bahnhof von Mariensiel der Abrissbirne zum Opfer. Das immer niedrigere Passagieraufkommen bei der Bahn machte den Bahnhof überflüssig.
1995 wurde anlässlich des 425 jährigen Bestehens des Ortes ein großes Fest durchgeführt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Mariensiel profitierte erheblich von den Wilhelmshavener Großbauprojekten der damaligen Zeit auf Grund seiner strategischen Lage, zu erwähnen sind der Bau des Forts Mariensiel, der Eisenbahnlinie, des Ems-Jade Kanals (1888) und der damit verbundenen Querung des Kanals über das Mariensieler Tief sowie der großen Wilhelmshavener Hafenerweiterung Anfang des 20. Jahrhunderts. Diesen Profit bezahlte Mariensiel schließlich mit dem Absinken in die Bedeutungslosigkeit eines Sielhafens. Als Sielhafenort hatte das Dorf nur noch statistischen und historischen Wert. Auch der Versuch, in den 20er Jahren aus dem Dorf einen Kur- und Badeort zu machen, scheiterte bereits nach wenigen Jahren und die anderen Nordseebäder liefen der kleinen Ortschaft den Rang ab.
Heute ist Mariensiel eine reine Wohnsiedlung mit einer ausgeglichenen Altersstruktur und einem besonderen Flair.