Das Fort Mariensiel und der 17. Dezember 1919
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete die Kaiserliche Marine in Mariensiel zwischen 1876 - 1880 das "Marine Artillerie Depot Wilhelmshaven-Mariensiel". (Bewaffnung von zehn 15cm-Kanonen L/28 und acht 12cm-Kanonen). Im unmittelbaren Einzugsbereich des wichtigsten deutschen Kriegshafens wurde die Kapazität zur Fertigung und Einlagerung von Munition für die Schiffsgeschütze geschaffen. Auf rund 100 ha Fläche entstanden zahlreiche Gebäude für die verschiedenen Aufgaben der Munitionsfertigung und -lagerung. Am Ostrand befand sich das Haupttor und die Verwaltung. Hier sind auch heute noch einzelne Bauten aus der Gründungszeit zu finden. Daran schloss sich der Fertigungsbereich mit Arbeitshäusern und Lagergebäuden an. Die gesamte Anlage durchzog ein dichtes Gleisnetz, mit dem alle Bauten erschlossen wurden.
Bis zum Ende des I. Weltkrieges scheint der Betrieb in der Anlage weitgehend ungestört abgelaufen zu sein. Nach Kriegsende wandelte sich die Aufgabe des Depots. Die "Gesellschaft zur Verwertung von Heeresgut" richtete hier einen Standort zur Delaborierung von Munition ein. Auf einem Brandplatz wurde das Pulver vernichtet. Am 17. Dezember 1919 erlebte das Dorf ein Inferno. In einem Artilleriedepot im Westen Mariensiels war es gegen 14 Uhr zu einer heimtückischen Katastrophe gekommen. 40000 Granaten lagerten dort, als sich in einem der Schuppen die erste Explosion ereignete. Fensterscheiben zersprangen, Dächer wurden beschädigt und Metallteile flogen durch die Luft. Die Bewohner von Mariensiel rannten in Panik aus ihren Häusern.
Kaum hatten sie die Straße erreicht, gab es eine Viertelstunde nach der ersten eine zweite, noch heftigere Explosion.
Diese deckte ganze Dächer ab, zerstörte Häuser und sorgte für ein Inferno, das später nur noch durch die Schäden im Zweiten Weltkrieg übertroffen wurde.
Die zweite, noch heftigere Detonation war eine Folge der ersten. Tage später, am 22. Dezember, zogen die Behörden dann eine vorläufige Schreckensbilanz: Sieben identifizierte Tote, 16 vermisste Arbeiter im Depot und 18 vermisste Dorfbewohner. Ganz zu schweigen von vielen zum Teil Schwerverletzten, unzähligen Menschen, die obdachlos wurden, und einer Schadenssumme von 1,5 Millionen Reichsmark. Die Marienburg war eines der am stärksten beschädigten Häuser in Mariensiel.
Im Jahre 1921 endete diese Nutzungsphase. Vermutlich lag die Liegenschaft danach Brach. 1933 übernahm erneut die Marine die Anlage, um hier das "Marine-Artillerie-Zeugamt Wilhelmshaven-Mariensiel" einzurichten. Die Aufgabe war wiederum die Fertigung und Einlagerung von Munition für Schiffsgeschütze. Nun wurden im Westen des Areals zahlreiche Gebäude neu errichtet. Die meisten heute noch erhaltenen Bauten stammen aus dieser Zeit. Die Erweiterungsmaßnahmen hielten bis in den II. Weltkrieg an. Während des Krieges ist über das Depot auch der Munitionsnachschub für die Marineflak mit ihren zahlreichen Stellungen im Großraum Wilhelmshaven gedeckt worden.
Über den Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern gibt es keine direkten Angaben. Es ist aber davon auszugehen, dass sie im Arsenal beschäftigt wurden. In Wilhelmshaven und Sande existierten diverse entsprechende Arbeitslager, darunter auch das “Fremdarbeiterlager Mariensiel”, in dem ca. 1.000 Arbeiter aus der Sowjetunion unter schlechtesten Bedingungen untergebracht waren.
Für das Depot Mariensiel bestand eine ständige immense Gefahr durch Luftangriffe. Der alliierten Aufklärung war die Funktion der Anlage natürlich schnell bekannt. Durch die unmittelbare Nähe zu den Hafenanlagen war das Depot bei den Bombardements des Kriegshafens stets bedroht und wurde mehrfach beschädigt. Ein besonders großer Schaden entstand in der Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1943. Bei einem Angriff durch die Royal Airforce kam es zu einem oder mehreren Volltreffern auf Munitionslager innerhalb des Arsenals. Da die Sicherheitsabstände zwischen den Lagerhäusern zu gering und die Schutzmaßnahmen der Bauten zu schwach waren, kam es zu einer Kettenreaktion. Stundenlang explodierten Granaten und Pulver. Fast die Hälfte der Fläche des Depots wurde sehr stark beschädigt, 32 Gebäude sind völlig vernichtet worden. Die Druckwelle war so stark, dass noch in mehreren Kilometern Entfernung Fenster zu Bruch gingen und Dächer abgedeckt wurden. In der Folgezeit konnte der Depotbetrieb natürlich nur noch sehr eingeschränkt fortgeführt werden. Für den Bedarf der Marineflak wurde nun ein provisorisches Lager bei Schortens angelegt. Der II. Weltkrieg endete für Wilhelmshaven-Mariensiel mit dem Einmarsch kanadischer und polnischer Einheiten am 6. Mai 1945. Das ehemalige Wachlokal wird heute vom Bürgerverein als Bürgertreff genutzt. Die Gedänkstätte der Opfer des 17. Dezember 1919 befindet sich an der Planckstraße etwa gegenüber der GPS.
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